Dokumentation
(teilw. ergänzte & überarbeitete Fassung, Stand: 6. Jan. 2002)

Die Schere im Kopf - Medien im Krieg

Vortrag von Elvi Claßen am 17.12.2001 in der TU Darmstadt

"Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit". Der viel zitierte Ausspruch aus dem Jahre 1917 stammt von Hiram Johnson; damals Senator für den US-Bundesstaat Kalifornien. Für meinen Geschmack klingt Johnsons Spruch zu fatalistisch, als sei es das unabwendbare Schicksal der Wahrheit, im Krieg unterzugehen. Auch im aktuellen Krieg der USA ist die Wahrheit nicht "verschwunden". Sie ist immer noch da, aber die verantwortlichen Politiker und Militärs auf beiden Seiten setzen alles daran, sie mit ihren Bildern und Geschichten so zu verzerren und zu überdecken, dass sie kaum noch erkennbar ist.

Zwei Faktoren begünstigen diesen "Umgang mit der Wahrheit":

Erstens eine in den letzten zehn Jahren systematisch entwickelte technische und ideologische Infrastruktur des US-Militärs, die nur einem Ziel dient, nämlich den Sieg im Kampf um die Informationsüberlegenheit zu erringen, in der Schlacht gegen den Feind und im globalen Hinterland gegen eine latent unkontrollierbare und potentiell missbilligende Medienöffentlichkeit.

Zweitens ist "Krieg" für das internationale Nachrichtengeschäft ein profitables Ereignis mit höheren Absatzzahlen bzw. Einschaltquoten. Die elektronischen Medien, insbesondere das Fernsehen, sind dabei angewiesen auf aktuelle Informationen, spektakuläre Bilder und eine möglichst verbindliche Quellenlage, die den Aufwand für Nachrecherchen verringert. Perfekte Bedingungen für die Etablierung eines Informationsmonopols durch die US-Regierung, das verhindert, dass Widersprüche und Widerspruch die militärische Inszenierung jenes Bildes erschüttern, das sich die globale Informationsgesellschaft von diesem Krieg machen soll.

Weil die Wahrheit zunächst einmal eine Feindin des Krieges ist. Ob sie auch sein Opfer wird oder ob sie ihn vielleicht sogar besiegt, hängt immer von der Stärke derjenigen ab, die sie ans Licht bringen. Die internationale Antikriegsbewegung und auch manche JournalistInnen kämpfen darum, hinter der Zensur, den Repressionen und den Manipulationen, hinter blindem Patriotismus und dem Ruf nach Rache die Wahrheit zu finden. Sie kämpfen um ihr Recht, Fragen zu stellen und den US-amerikanischen Kreuzzug zu kritisieren. Damit geraten sie selbst ins Fadenkreuz dieses Krieges.

Militärische Öffentlichkeitsarbeit als Schlachtfeld

Denn in ihren aktuellen Informationskriegs-Konzepten haben die Militärs - etwa seit Mitte der 90er Jahre - die "globale Informationsumgebung" zum Schlachtfeld und Beeinträchtigungen ihres Informationsmonopols zur Kriegshandlung erklärt:

"Um Informationsüberlegenheit zu erreichen, muss der Kommandeur in der Lage sein, sowohl den traditionellen Kriegsschauplatz als auch die militärische Informationsumgebung zu dominieren. Die militärische Informationsumgebung wird dabei definiert als der Teil der globalen Informationsumgebung, der für seine Kriegsführung von Bedeutung ist."

(...) "Immer häufiger werden von [unseren] militärischen Befehlshabern Aktivitäten eingefordert, die beeinflussen, wie [militärische] Operationen von verschiedenen Publika der Nachrichtenberichterstattung wahrgenommen und beurteilt werden.[Solche Aktivitäten] sind eine Grundvoraussetzung für eine wirkungsvolle Darstellung des Kriegsgeschehens. Die Anforderung, kritische Zuschauer, Meldungen und Kommunikationsmedien zu identifizieren, ist für die Militärführung nicht neu. Aber sie wird für die erfolgreiche Kriegsführung zunehmend bedeutsamer."
(U.S. Army Training and Doctrine Command: Information Operations. Field Manual 100-6. 1996.)

Der Krieg in der Informationsgesellschaft ist ein Kampf um die Macht die eigenen Interpretationen über die Realität des Kriegsgeschehens (Ursachen, Verlauf, Ergebnisse) als dominierendes Wahrnehmungsraster zu etablieren. Die beiden wichtigsten Instrumente in diesem Kampf um Informationsüberlegenheit sind:

Die neue Qualität (informations-)gesellschaftlicher Militarisierung liegt darin, dass im Kampf um Informationsüberlegenheit immer weniger unterschieden wird zwischen "freundlichen" und "feindlichen" (Medien-)Öffentlichkeiten als Zielgruppen für Kriegspropaganda.

Während in der US-Airforce-Doktrin 1999 vor einer Instrumentalisierung der Öffentlichkeitsarbeit gewarnt wird ...

"Mit der wachsenden Bedeutung von Public Affairs- und Informations-Operationen bleibt es weiterhin wichtig, die Trennung von militärischer Öffentlichkeitsarbeit u. Psychologischer Kriegsführung aufrechtzuerhalten, um die Glaubwürdigkeit von PressesprecherInnen und Pressearbeit zu bewahren."
(U.S. Air Force: Public Affairs Operations. Air Force Doctrine Document 2-5.4. 1999.)

... hebt das entsprechende Handbuch der US-Army von 1997 PA-Aktivitäten als nützliches Mittel gegen "den Feind" hervor:

"PA Operations verbreiten einen ständigen Fluss glaubwürdiger, rechtzeitiger und präziser Informationen an Militärs, ihre Familien, die Medien und die Öffentlichkeit. Dies kann auch dazu beitragen, feindliche Aktionen zu vereiteln, die den nationalen Willen und die Moral schwächen sowie die Weltmeinung gegen unsere Operationen aufbringen wollen."
(Department of the Army: Public Affairs Operations. Field Manual 46-1. Washington 1997.)

Die Definition dieser - wie gesagt eigentlich journalistisch geprägten - Öffentlichkeitsarbeit des Militärs, die sich an die eigene Bevölkerung bzw. an die Bevölkerung in den verbündeten Staaten richtet, unterscheidet sich kaum noch von der Aufgabe, die der eigentlich an den Feind gerichteten "Psychologischen Kriegsführung" zugeschrieben wird:

"Psychologische Kriegsführung ... richtet sich gegen ausländische Öffentlichkeiten, um mit ausgewählten Informationen deren Gefühle, Motivationen und Urteilsfähigkeit sowie nicht zuletzt das Verhalten ausländischer Regierungen, Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen zu beeinflussen".
(Quelle: Information Operations.. Air Force Doctrine Document 2-5, 1998)

Das heißt, für die Militärs wird die globale Informationsumgebung zum Feind, wenn die offiziellen politisch/militärischen Interpretationen des Krieges in Konflikt treten mit konkurrierenden zivilgesellschaftlichen Interpretationen. Während des Kosovo-Krieges, der als erster Fall des Informationskrieges gilt, wurden entsprechende geografisch und strategisch entgrenzte militärische Beeinflussungs-, Zensur- und Übernahmestrategien erstmals umfassend getestet.
Mit einem für die Militärstrategen niederschmetternden Ergebnis: UNENTSCHIEDEN.

a) Flüchtlingsdrama in Blace (3.4.99), Jelzins Warnung (9. April 1999) vor einem Weltkrieg; b) Diskussion um Bodenkrieg / Kritik an Informationspolitik der NATO; c) Verschärfte Diskussion um Einstellung der Luftangriffe, Ende April 1999; d) Bombentreffer auf chinesische Botschaft in Belgrad, 7. Mai 1999; e) Bombardierung des Dorfes Korisa mit 80 zivilen Opfern, Grünen-Parteitag in Bielefeld, 13./14. Mai 1999; f) Bomben auf ein Krankenhaus in Belgrad und schwedische Botschaft (20. Mai 1999).
(Quelle: Hintergrundinformationen zum Einsatz der Int. Staatengemeinschaft im Kosovo und zur Beteiligung der Bundeswehr, 1999)

Der damalige NATO-Sprecher Jamie Shea beklagt den wackeligen gesellschaftlichen Konsens über die militärische Interpretation des Kriegsverlaufs:

"Einzelne Zwischenfälle wurden hoch-, der grundsätzliche Trend heruntergespielt. Die 0,1 Prozent Fehler der NATO wurden zum zentralen Drama des Konflikts und zum entscheidenden Maßstab für die Bewertung der militärischen und moralischen Effektivität der NATO." (Zit. vom 15.6.1999 )
(Zit. nach Pounder, G.: Opportunity Lost. In: Airpower Journal 2/2000, S. 56-77.)

Luftwaffengeneral u. NATO-Sprecher Walter Jertz, der zusammen mit dem Briten Jamie Shea während des Kosovo-Krieges viele NATO-Pressekonferenzen in Brüssel geleitet hat, resümierte im Nachhinein:

"Bilder sind Waffen, und die NATO habe im Umgang mit diesen Waffen in den ersten Wochen erhebliche Fehler begangen. (...) Auf Grund der mangelhaften Öffentlichkeitsarbeit habe die Gefahr eines Stimmungsumschwungs in der Bevölkerung und bei den politisch Verantwortlichen in den NATO-Staaten existiert. Es habe die Möglichkeit bestanden, dass die Kampfhandlungen hätten abgebrochen werden müssen."
(Zit. nach Zwischen Information und Propaganda. www.nzz.ch, 19.12.00.)

Maj. Gary Pounder, USAF, fordert in seiner Analyse dieses Krieges, den er auch als "ersten echten Medienkrieg" bezeichnet:

"Jeder - Kommandeure, Infowar-Spezialisten und Presseoffiziere - wird lernen müssen, militärische Öffentlichkeitsarbeit als Schlachtfeld zu verstehen, das wie jedes andere auch umkämpft und beherrscht werden muss."
(Pounder, G.: Opportunity Lost. In: Airpower Journal 2/2000, S. 56-77.)

Die von der NATO erstmals postulierte Zielvorgabe der Informationsüberlegenheit als bestimmender Faktor über Sieg oder Niederlage definiert eine direkte Konfrontationslinie zwischen militärischen Interessen und "feindlicher" Öffentlichkeit. Es lag auf der Hand, dass die US-amerikanischen Public Affairs- und PsyOp-Strategen im nächsten Krieg mit allen Mitteln versuchen würden zu verhindern, dass Widersprüche und Widerspruch ihre Dominanz über das Informationsspektrum noch einmal in dem Ausmaß gefährden. James Kitfield, Korrespondent für Nationale Sicherheit und Außenpolitik beim US-amerikanischen National Journal schrieb im Sommer 2001:

"Wie die Konfrontation zwischen Militär und Medien in der Kosovo-Berichterstattung offenbarte, vergrößert der Wandel im Selbstverständnis und in den Techniken militärischen und journalistischen Handelns zukünftig den kulturellen Bruch zwischen beiden Bereichen: In vielerlei Hinsicht werden der Journalismus chaotischer, die militärischen Kontrollmaßnahmen schärfer werden."
(Lessons From Kosovo. In: Media Studies Journal/Volume 15, Number 1, Summer 2001.)

Und John MacArthur, Publizist und Autor des Buches "Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften." (1992), warnte vor Beginn des Kriegs gegen Afghanistan freischaffende Reporter, auf eigene Faust in die Kampfzonen zu reisen:

"Dies könnte der erste Krieg sein, in dem ein amerikanischer Journalist ... von einem Ledernacken erschossen oder erwürgt wird, weil er im Weg stand."
(The Village Voice, 26.9.01.)

Die US-Informationspolitik nach dem 11. September

Informationsverhinderung durch Zensur

Nebelwerfer: Die Professionalisierung der PA- und PsyOps

Verschleierungen, Verzerrungen u. Auslassungen

"Medienschelte"

John Underwood, Kommunikationsdirektor für die Labour Partei während des Wahlkampfs 1992, sagt, dass die staatliche Kontrolle im Krieg auch ein verantwortliches Medien-Management beinhaltet: "Es wird schwer genug diesen Krieg mit der Unterstützung der Medien zu gewinnen; es wird unmöglich sein, wenn die Medien ihn behindern." (Zit. nach J. Hodgson: "Don't 'tell the whole truth' in war, advises ex-spin doctor." In: Media Guardian, 23.10.01.)

Dämonisierung des Gegners & "humanitärer Imperativ"

Ob für "Enduring Freedom" oder "Infinite Justice", ob für einen "Kreuzzug" oder "den Kampf der Zivilisation" - die Bush-Administration hat klare Frontlinien gezogen zwischen "the good an the evil" - und mit "wer nicht für uns ist, ist gegen uns" einen globalen Konsens für die Legitimität des Waffenganges beschworen.

Ausschaltung der feindlichen Informations-Infrastruktur

Substitution "feindlicher" Medien im Kriegsgebiet

Einseitigkeit der Quellen und Expertisen

Schon am 11.9. lässt CNN den ehemaligen Außenminister Lawrence Eagleburger mit der Einschätzung auf Sendung gehen, "es gibt nur einen Weg mit Leuten wie diesen umzugehen, man muss einige von ihnen töten, auch wenn sie nicht sofort als direkt Beteiligte zu erkennen sind." (Zit. nach: "Commentators Are Quick to Beat Their Pens Into Swords.", Washington Post, 13.9.01.)

Im Laufe der nachfolgenden Wochen rekrutieren die Networks weitere Experten aus dem militärischen Bereich, die regelmäßig als Kommentatoren und "Berater" in den Sendungen; z.B.

(Nach David Folkenflik: Networks recruit military advisers. In: Sunspot, 31.10.01.)

Edouard Markiewicz (Media Action International/Genf) verweist in seinem Beitrag "Conflicts and Right to Information" ( Nov. 01) auf einige weitere redaktionelle bzw. institutionelle Verschränkungen zwischen Medien und Militär/Rüstungsindustrie:

"Die Schere im Kopf": Selbstzensur

Aufruf zu Gewalt und Rache - Journalismus im Affekt?

So makaber es klingt - die Herbeiführung dieser Stimmungslage ist ein Glücksfall für die US- und auch für viele andere westliche Regierungen. Ihre politische Verantwortung für diesen Hass, die Sinnhaftigkeit ihrer militärischen Doktrinen oder die Glaubwürdigkeit ihrer Geheimdienstaktivitäten stehen (noch) nicht zur Disposition. Die Bush-Administration hat es geschafft, die Bevölkerungsmehrheit in den USA auf den Krieg einzuschwören und die Popularität des "50-Percent"-Präsidenten deutlich zu steigern. Niemand macht einen Hehl daraus, wer ihr dabei geholfen hat; so analysiert David Carr, Medienkritiker und Autor, in der Washington Post am 24.9.:

"Es gab eine kollektive Entscheidung, das Image des Präsidenten neu aufzubauenund die Medien kooperieren hundertprozentig. Die Journalisten sind sehr darum besorgt, ihm zu einer kriegstauglichen Präsidentschaft zu verhelfen. Denn vielleicht sind wir bald im Krieg und er ist der einzige Präsident, den wir haben. Wenn man über Leute mit so klaren Zielen verfügt, die einem als Augen und Ohren dienen, glaube ich nicht, dass man zwangsläufig die Wahrheit erfährt. Es ist nichts anderes als eine eher patriotische Public Relation-Arbeit."

Nachtrag aus aktuellem Anlass:
Jetzt rücken Bundeswehreinheiten im Rahmen einer "UN-Afghanistan-Schutztruppe" in das Krisengebiet ein. Ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Und die Stimmung an der "Heimatfront" ist deutlich nicht auf der Seite der Kriegsbefürworter, die im Bundestag und Bundesrat eine Mehrheit für den Marschbefehl abnicken ließen. Die US-Anti-Terror-Krieger ziehen ab und UN-Truppen sollen hinterher aufräumen? Sind das die Perspektiven: Bush's "Infinite Justice" für die "Schurkenstaaten" dieser Welt - für Jemen, Somalia, Irak oder wen und wo auch immer? Können wir diese Strategie wirklich hinnehmen oder sogar unterstützen? Warum wird der Forderung nach einer völkerrechtlich abgesicherten Polizeifahndung gegen die Verbrecher, die die Terroranschläge in den USA als Drahtzieher zu verantworten haben, kaum öffentliche Aufmerksamkeit zuteil? Weder die Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit dieser Militäreinsätze noch die Rolle der Bundeswehr in diesem Szenario stehen für die hiesigen etablierten Medien wirklich zur Debatte. Vielmehr agierten die Redaktionen seit dem Beginn des Krieges als könnten sie es gar nicht mehr erwarten, dass es endlich losgeht. Warum auch immer - Herdentrieb? Sensationslust? Orientierungslosigkeit? - schon vor Wochen kolportierte man immer wieder Meldungen, die den Eindruck vermittelten, ein Einsatz der Bundeswehr stehe kurz bevor.
Beispiel: der "Fuchs-Spürpanzer-Hype" vom 17.10.01 (und damit angefangen hat die Bild-Zeitung):

Bundeswehr-Homepage am 17.10.01:

Webmaster & Layouter seit Oktober mobilisiert
Zumindest wissen wir nun, wo die wirklich verbindlichen Anzeichen für einen bevorstehenden Kriegseinsatz der Bundeswehr zu finden sind. Im Oktober war die BW-Homepage bereits marschbereit: Auf der Seite "Enduring Freedom" im Internet-Angebot des Bundesverteidigungsministeriums war das Link "Deutsche Beteiligung" schon vorbereitet, wenn auch noch nicht aktiv ...
(Screenshot vom 17.10.01.)

Die Affinität der US-Networks zu "offiziellen"/militärischen Quellen bzw. Positionen ist aber nicht nur durch personelle und institutionelle Verschänkungen zu erklären; ebenso wenig wie der fanatische Patriotismus und das offene Plädoyer für Rache und Gewalt in den Medien mit der Schockwirkung zu entschuldigen sind, die die verbrecherischen Terroranschläge in New York und Washington ausgelöst haben.
Eine weitgehend loyale Haltung gegenüber dem politischen Establishment ist für die Mehrheit der JournalistInnen in den USA inzwischen eher normal. Aber das war nicht immer so. Für viele JournalistInnen in aller Welt hatte der in den späten 60er und 70er Jahren in den USA praktizierte investigative Journalismus eine Vorbildfunktion. Reporter wie Seymour Hersh, der das Massaker von My Lai enthüllte, oder Carl Bernstein und Bob Woodward von der Washington Post, die 1974 den "Watergate-Skandal" aufdeckten und damit Richard Nixon zum Rücktritt zwangen, setzten neue Maßstäbe: "Die Journalisten wurden frecher und forderten die politischen Autoritäten heraus. ... Das alte Modell des ‘objektiven’ Journalismus’ wurde von einer eher aktiven, analytischen und beobachtenden Berichterstattung abgelöst."

Erst ab Mitte der 80er Jahre kam es zu einer erneuten Trendwende, als das wachsende Angebot lokaler Fernsehnachrichten den Konkurrenzdruck zwischen den Sendern verschärfte. Infolge dieses Verteilungskampfes kam es zu Budgetkürzungen und einer zunehmender Orientierung an Einschaltquoten. Die stärkere wirtschaftliche Ausrichtung führte dazu, dass "Buchhalter und Zahlenhengste" im Großen und Ganzen die Kontrolle über die US-Medien übernahmen, so Harrison Salisbury, der in den 60ern als kritischer Vietnam-Korrespondent der New York Times berühmt geworden war. Diese "Buchhalter und Zahlenhengste" hätten eine Ära beendet, in der Eigentümer und Redakteure sich die Verantwortung für die Pressefreiheit noch zu Herzen nahmen.

Der bereits zitierte CBS-Anchorman Dan Rather - übrigens ein ehemaliger Marine-Infanterist - bestätigte bereits nach Ende des Zweiten Golfkrieges den Verfall ethischer Prinzipien innerhalb seines Berufsstandes: "Wir lassen uns immer weniger von Verantwortung und Anstand leiten, ... sondern immer mehr von Macht und Geld." Es mangele, so Rather, den JournalistInnen an der Bereitschaft, "kein Blatt vor den Mund zu nehmen ... und mit seiner Meinung herauszurücken". Dies entspräche "einer allgemeinen Tendenz des amerikanischen Journalismus’ in den letzten fünf bis zehn Jahren ... Diese Tendenz geht dahin, die Mitte zu suchen und mit der Masse zu gehen, keinen Ärger zu machen, keine unangenehmen Fragen zu stellen, kein Risiko einzugehen ... Es ist in diesem Lande noch nicht allzu lange her, dass ein Reporter, um in den Augen seiner Kollegen, als dieser Bezeichnung würdig zu sein, unangenehme Fragen stellen musste. Es ging dabei nicht um einen Popularitätswettstreit, sondern um eine Aufgabe, eine Verantwortung."

Jetzt, zehn Jahre später, begeht der etablierte Journalismus im Land des "1st Amendment" einen für einen demokratisch verfassten Staat bisher beispiellosen Verrat an dieser Verantwortung: Anstatt seine RezipientInnen im Sinne ethischer Grundregeln und professioneller Normen zumindest umfassend und mit der gebotenen - und bisher üblichen, wenn auch eher minimalen - Distanz zu unterrichten, dominieren Emotionalität, Einseitigkeit, Unterwerfungsgesten und Manipulationen am Nachrichtenmaterial die Arbeit in den Redaktionen.
Auch wenn während früherer Kriege vielleicht im Ansatz ähnliche Reflexe wahrnehmbar waren, so haben sich zwei zentrale Prämissen der Kriegsberichterstattung grundlegend geändert:

Erstens wird die Kooperation der Medien im eigenen Land oder in allierten Staaten von den Informationskriegsstrategen nicht mehr wie früher nur 'mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen', sondern als wichtigste Vorbedingung für den Krieg entweder vorausgesetzt oder sie wird erzwungen - bisher noch mit Mitteln wie Zensur, offensiver militärischer Informationsintervention und Disziplinierungsstrategien ("Patriotismus", "nationale Sicherheit" usw.). Denn wenn die Konstruktion von Medienrealität im Krieg und die Kontrolle über diese Medienrealität zum kriegsentscheidenden Faktor erklärt werden, sind die zivilen Medien - als Teil der "militärischen Informationsumgebung" (s.o.) - entweder Opfer oder Täter in diesem Kampf um "Informationsüberlegenheit". Die Mehrheit der US-amerikanischen Massenmedien hat sich freiwillig zu Wegbereitern und Kombattanten des US-amerikanischen "Anti-Terror-Krieges" gemacht. Welche Auswirkungen dies mittel- und langfristig auf das Selbstverständnis der JournalistInnen hat, auf die gesellschaftliche Bewertung, was das Ansehen, die Glaubwürdigkeit und die Orientierungsfunktion der Massenmedien betrifft, und - allgemeiner - auf die demokratische Informations- und Diskussionskultur des Landes, ist kaum abzusehen.

Zweitens verfügen die etablierten Informationsanbieter längst nicht mehr über die Monopolstellung, die in früheren Kriegen die Kontrolle über Themensetzungen, Quellenlagen und auch über die Publikation von Widersprüchen und Widerspruch erleichtert hat. Die Internationalisierung der Mediensysteme, die Digitalisierung der Nachrichtenübermittlung und die sukkzessive Vergesellschaftung der Informationsressourcen im Internet erleichtern die Auffindung und Aufdeckung 'blinder Flecken' in der Mainstream-Berichterstattung, die Entlarvung militärischer Propagandakampagnen oder z.B. auch die Interpretations- und Argumentationsstrategien in den offiziellen Diskursen über Ursachen, Verlauf und Ergebnisse eines Krieges - jenseits der tagesaktuellen und 'Live'-Berichterstattung. Die Entstehung dieser unabhängigen zivilgesellschaftlichen Informations- bzw. Kommunikationskultur eröffnet nicht nur neue Perspektiven für die Meinungs- und Willensbildung, die den professionellen Public-Affairs- und Public-Relations-Aktivitäten der Militärs und Politiker besser widersteht. Bei zunehmendem Reputationsverlust der etablierten Medien - insbesondere in Krisen- und Kriegszeiten - werden alternative (freie, kritische, oppositionelle) "Content Provider" als glaubwürdigere Quellen zu Konkurrenten, die neue Maßstäbe für die Qualität aktueller Informationen setzen. Die traditionellen Pressesysteme werden sich dementsprechend umorientieren müssen oder sie werden über kurz oder lang ihre Relevanz als "Welterklärer" verlieren.

Journalistische Initiativen gegen Vereinnahmung & Zensur

Dass die Medien nicht zwangsläufig zu Opfern oder Tätern im Kampf um "Informationsüberlegenheit" werden müssen, beweisen zahlreiche Initiativen, die die Medienberichterstattung beobachten und bewerten, kritische JournalistInnen und WissenschaftlerInnen, die versuchen, jenseits von Manipulation und Propaganda den Blick auf die Wahrheit des Krieges freizuhalten und den Schutz bzw. die Einhaltung der professionellen und ethischen Grundsätze einfordern:

Einige weitere gute Adressen zur kritischen Berichterstattung sind u.a. zu finden in den "Bookmarks: Krieg gegen Terror?"

Afghanistan: Medienarbeit gegen Krieg und Traumatisierung

Ein typisches Kommunikationsproblem im Kriegsgebiet: Pakistan versucht die afghanischen Flüchtlinge in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, indem man ihnen unterstellt, sie brächten neue Seuchen (z.B. Polio) ins Land. Pakistan und Afghanistan haben lt. WHO aber das gleiche epidemische Profil; es kann also nicht sein, dass die Flüchtlinge die Krankheitsrate im Land erhöhen.

Ein Beispiel für die Notwendigkeit, die Bevölkerungen in der Krisenregion schnell mit unabhängigen Infos zu versorgen; weitere Aspekte:

Die Informationsgesellschaft gegen den Krieg - ein Resumee

Das wichtigste Zwischenergebnis des Krieges der USA um "Informationsüberlegenheit" am Beispiel Afghanistan: die Massenmedien sind unter den verschärften Bedingungen des Informationskrieges als Vermittler von Realität in Krise und Krieg gescheitert. Der Druck der Live-Berichterstattung in den elektronischen Medien, insbesondere im Fernsehen, die dadurch verstärkte Enthistorisierung und Entkontextualisierung der Nachrichten, die Fixierung auf möglichst spektakuläre Bilder und "offizielle" Quellen, verschärfter Konkurrenzdruck und das besonders in den USA über Jahrzehnte - auch in den Medien - gepflegte Desinteresse an außenpolitischen bzw. internationalen Themen verhindern eine realistische Selbst- und Fremdwahrnehmung, nicht zuletzt auch bei den JournalistInnen. Die Konsequenzen: das Massenpublikum verweigert sich unter dem Eindruck der entsetzlichen Terrorattacken einer in dieser kritischen Situation existentiell wichtigen unabhängigen Wirklichkeitsinterpretation; und die Redaktionen der führenden Massenmedien wollen oder können ihre ethisch gebotene professionelle Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit nicht erfüllen und unterwerfen sich willfährig den Propagandastrategien ihrer Regierung. Diese sich gegenseitig verstärkenden Trends konstituieren den Rahmen für einen bisher beispiellosen aber zukünftig für Informationsgesellschaften vielleicht repräsentativen Prozess der Kriegsmobilisierung. 

Tatsächlich wird für die USA aktuell der Trend diagnostiziert, dass immer mehr US-Bürger dazu übergehen, sich im Internet unabhängige Informationen zu besorgen. Seit dem Kosovo-Krieg ist das World Wide Web die erste Adresse für alternative Infos die der Nachrichtenauswahl der etablierten Medien wahrscheinlich an Vielfalt und Authentizität überlegen sind. Hier ist es möglich, sich über die weltweiten Proteste gegen den Krieg zu informieren und die Berichterstattung der internationalen Presse zu vergleichen. Friedensbewegungen, Medieninitiativen, WissenschaftlerInnen und engagierte JournalistInnen - resistent gegen Propaganda und glaubwürdig - liefern hier in Abgrenzung zu "offiziellen Interpretationen" authentische Informationen, die in den Massenmedien weitgehend ausgeblendet werden; Informationen, die dann über Veranstaltungen, eigene Printmedien und in Diskussionen an eine breitere Öffentlichkeit weitergegeben werden.
Die Militärs thematisieren seit Mitte der 90er Jahre offen die "Bedrohung", die von diesem alternativen Nachrichtenangebot ausgeht: Kontradiktive Informationen sind der Feind des militärisch erwünschten Konsenses über die Notwendigkeit und Legitimität des Krieges. Deshalb rücken auch soziale Bewegungen und andere "unkontrollierbare" Nachrichtenanbieter - ähnlich wie die JournalistInnen der "etablierten Medien" ins Fadenkreuz der Informationskriegsstrategen. Die regierungsnahe US-amerikanische Denkfabrik RAND warnt z.B: davor, dass solche Gruppen durch den freien Zugriff auf elektronische Medien immer "mächtiger" werden:

"Es könnte sich eine dynamische Symbiose zwischen Nichtregierungsorganisationen und den Medien entwickeln [...], in der die Medienpräsenz die jeweiligen Machtverhältnisse ausgleicht und die Regierung ihren Vorteil verliert, zu kontrollieren, wer was über einen Konflikt weiß. Dies führt dann zur Einschränkung staatlicher Handlungsmöglichkeiten."
(RAND: The Zapatista "Social Netwar" 1998.)

Was ihnen Sorgen macht ist unsere Chance.

Deshalb macht es Sinn, das alternative ‘Nachrichtennetz von unten’ weiter auszubauen. Ebenso wichtig ist es, gemeinsam mit JournalistInnen Vorbehalte gegen Nicht-Regierungs- und nicht-militärische Quellen abzubauen und neue Kooperationen zu schaffen. Die Integration friedenswissenschaftlicher Angebote in die journalistische Aus- und Weiterbildung könnte z.B. die Widerstandsfähigkeit der Medienschaffenden gegen militärische Vereinnahmung, Ausgrenzung und Zensur - institutionell wie auch politisch - fördern.

Um künftige (Informations-)-Kriege zu verhindern, muss ein Schwerpunkt auf den Ausbau dieser "dynamischen Symbiose zwischen Nichtregierungsorganisationen und den Medien" gelegt werden. Die Ausweitung des Blickfeldes über die "offiziellen Interpretationen des Kriegsgeschehens" hinaus ist eine Grundvoraussetzung für einen unabhängigen und investigativen Journalismus, der die Wahrheit davor schützt, immer wieder zum Opfer des Krieges erklärt zu werden.

Journalismus darf nicht zum Kriegsdienst werden. Er muss vielmehr dazu beitragen, Kriegsursachen aufzudecken, Propaganda zu entlarven und die "staatlichen Handlungsmöglichkeiten" auf zivile Konfliktlösungsstrategien zu beschränken.


Elvira Claßen, Medienwissenschaftlerin (Dipl. Soz.-Wiss.) und freie Journalistin (dju), schreibt z.Zt. an ihrer Dissertation über "Krisen- und Kriegs-Kommunikation in der Informationsgesellschaft. Bestandsaufnahme und interkultureller Vergleich von Strategien, Implikationen und Intentionen in den USA und der Bundesrepublik Deutschland." (Arbeitstitel).

Sie ist Mitglied der Forschungsgruppe Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik (FoG:IS).
Von Okt. 1989 bis Dez. 1999 arbeitete sie als leitende Redakteurin der ZivilCourage, dem Mitgliedermagazin der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) e.V. und von Jan. 1995 bis Sept. 1999 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich "Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien" der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität-GH Siegen mit Lehraufträgen in den Studiengängen Medienplanung, -entwicklung und -beratung (Siegen) und Journalistik (Dortmund). In Siegen betreute sie auch von Mitte 1998 bis Ende 1999 als (ehrenamtliche) Geschäftsführerin die Initiative Nachrichtenaufklärung.

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