Special

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Dokumentation
(teilw. ergänzte & überarbeitete Fassung, Stand: 6. Jan. 2002)

Die Schere im Kopf - Medien im Krieg

Vortrag von Elvi Claßen am 17.12.2001 in der TU Darmstadt

"Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit". Der viel zitierte Ausspruch aus dem Jahre 1917 stammt von Hiram Johnson; damals Senator für den US-Bundesstaat Kalifornien. Für meinen Geschmack klingt Johnsons Spruch zu fatalistisch, als sei es das unabwendbare Schicksal der Wahrheit, im Krieg unterzugehen. Auch im aktuellen Krieg der USA ist die Wahrheit nicht "verschwunden". Sie ist immer noch da, aber die verantwortlichen Politiker und Militärs auf beiden Seiten setzen alles daran, sie mit ihren Bildern und Geschichten so zu verzerren und zu überdecken, dass sie kaum noch erkennbar ist.

Zwei Faktoren begünstigen diesen "Umgang mit der Wahrheit":

Erstens eine in den letzten zehn Jahren systematisch entwickelte technische und ideologische Infrastruktur des US-Militärs, die nur einem Ziel dient, nämlich den Sieg im Kampf um die Informationsüberlegenheit zu erringen, in der Schlacht gegen den Feind und im globalen Hinterland gegen eine latent unkontrollierbare und potentiell missbilligende Medienöffentlichkeit.

Zweitens ist "Krieg" für das internationale Nachrichtengeschäft ein profitables Ereignis mit höheren Absatzzahlen bzw. Einschaltquoten. Die elektronischen Medien, insbesondere das Fernsehen, sind dabei angewiesen auf aktuelle Informationen, spektakuläre Bilder und eine möglichst verbindliche Quellenlage, die den Aufwand für Nachrecherchen verringert. Perfekte Bedingungen für die Etablierung eines Informationsmonopols durch die US-Regierung, das verhindert, dass Widersprüche und Widerspruch die militärische Inszenierung jenes Bildes erschüttern, das sich die globale Informationsgesellschaft von diesem Krieg machen soll.

Weil die Wahrheit zunächst einmal eine Feindin des Krieges ist. Ob sie auch sein Opfer wird oder ob sie ihn vielleicht sogar besiegt, hängt immer von der Stärke derjenigen ab, die sie ans Licht bringen. Die internationale Antikriegsbewegung und auch manche JournalistInnen kämpfen darum, hinter der Zensur, den Repressionen und den Manipulationen, hinter blindem Patriotismus und dem Ruf nach Rache die Wahrheit zu finden. Sie kämpfen um ihr Recht, Fragen zu stellen und den US-amerikanischen Kreuzzug zu kritisieren. Damit geraten sie selbst ins Fadenkreuz dieses Krieges.

Militärische Öffentlichkeitsarbeit als Schlachtfeld

Denn in ihren aktuellen Informationskriegs-Konzepten haben die Militärs - etwa seit Mitte der 90er Jahre - die "globale Informationsumgebung" zum Schlachtfeld und Beeinträchtigungen ihres Informationsmonopols zur Kriegshandlung erklärt:

"Um Informationsüberlegenheit zu erreichen, muss der Kommandeur in der Lage sein, sowohl den traditionellen Kriegsschauplatz als auch die militärische Informationsumgebung zu dominieren. Die militärische Informationsumgebung wird dabei definiert als der Teil der globalen Informationsumgebung, der für seine Kriegsführung von Bedeutung ist."

(...) "Immer häufiger werden von [unseren] militärischen Befehlshabern Aktivitäten eingefordert, die beeinflussen, wie [militärische] Operationen von verschiedenen Publika der Nachrichtenberichterstattung wahrgenommen und beurteilt werden.[Solche Aktivitäten] sind eine Grundvoraussetzung für eine wirkungsvolle Darstellung des Kriegsgeschehens. Die Anforderung, kritische Zuschauer, Meldungen und Kommunikationsmedien zu identifizieren, ist für die Militärführung nicht neu. Aber sie wird für die erfolgreiche Kriegsführung zunehmend bedeutsamer."
(U.S. Army Training and Doctrine Command: Information Operations. Field Manual 100-6. 1996.)

Der Krieg in der Informationsgesellschaft ist ein Kampf um die Macht die eigenen Interpretationen über die Realität des Kriegsgeschehens (Ursachen, Verlauf, Ergebnisse) als dominierendes Wahrnehmungsraster zu etablieren. Die beiden wichtigsten Instrumente in diesem Kampf um Informationsüberlegenheit sind:

  • Public Affairs Operations (PA, eigentlich journalistisch geprägte Öffentlichkeitsarbeit des Militärs)
  • Psychological Operations ("die Kunst des Lügens"/militärische Informationsinterventionen mittels eigener und ziviler Medien, Kriegspropaganda)

Die neue Qualität (informations-)gesellschaftlicher Militarisierung liegt darin, dass im Kampf um Informationsüberlegenheit immer weniger unterschieden wird zwischen "freundlichen" und "feindlichen" (Medien-)Öffentlichkeiten als Zielgruppen für Kriegspropaganda.

Während in der US-Airforce-Doktrin 1999 vor einer Instrumentalisierung der Öffentlichkeitsarbeit gewarnt wird ...

"Mit der wachsenden Bedeutung von Public Affairs- und Informations-Operationen bleibt es weiterhin wichtig, die Trennung von militärischer Öffentlichkeitsarbeit u. Psychologischer Kriegsführung aufrechtzuerhalten, um die Glaubwürdigkeit von PressesprecherInnen und Pressearbeit zu bewahren."
(U.S. Air Force: Public Affairs Operations. Air Force Doctrine Document 2-5.4. 1999.)

... hebt das entsprechende Handbuch der US-Army von 1997 PA-Aktivitäten als nützliches Mittel gegen "den Feind" hervor:

"PA Operations verbreiten einen ständigen Fluss glaubwürdiger, rechtzeitiger und präziser Informationen an Militärs, ihre Familien, die Medien und die Öffentlichkeit. Dies kann auch dazu beitragen, feindliche Aktionen zu vereiteln, die den nationalen Willen und die Moral schwächen sowie die Weltmeinung gegen unsere Operationen aufbringen wollen."
(Department of the Army: Public Affairs Operations. Field Manual 46-1. Washington 1997.)

Die Definition dieser - wie gesagt eigentlich journalistisch geprägten - Öffentlichkeitsarbeit des Militärs, die sich an die eigene Bevölkerung bzw. an die Bevölkerung in den verbündeten Staaten richtet, unterscheidet sich kaum noch von der Aufgabe, die der eigentlich an den Feind gerichteten "Psychologischen Kriegsführung" zugeschrieben wird:

"Psychologische Kriegsführung ... richtet sich gegen ausländische Öffentlichkeiten, um mit ausgewählten Informationen deren Gefühle, Motivationen und Urteilsfähigkeit sowie nicht zuletzt das Verhalten ausländischer Regierungen, Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen zu beeinflussen".
(Quelle: Information Operations.. Air Force Doctrine Document 2-5, 1998)

Das heißt, für die Militärs wird die globale Informationsumgebung zum Feind, wenn die offiziellen politisch/militärischen Interpretationen des Krieges in Konflikt treten mit konkurrierenden zivilgesellschaftlichen Interpretationen. Während des Kosovo-Krieges, der als erster Fall des Informationskrieges gilt, wurden entsprechende geografisch und strategisch entgrenzte militärische Beeinflussungs-, Zensur- und Übernahmestrategien erstmals umfassend getestet.
Mit einem für die Militärstrategen niederschmetternden Ergebnis: UNENTSCHIEDEN.

a) Flüchtlingsdrama in Blace (3.4.99), Jelzins Warnung (9. April 1999) vor einem Weltkrieg; b) Diskussion um Bodenkrieg / Kritik an Informationspolitik der NATO; c) Verschärfte Diskussion um Einstellung der Luftangriffe, Ende April 1999; d) Bombentreffer auf chinesische Botschaft in Belgrad, 7. Mai 1999; e) Bombardierung des Dorfes Korisa mit 80 zivilen Opfern, Grünen-Parteitag in Bielefeld, 13./14. Mai 1999; f) Bomben auf ein Krankenhaus in Belgrad und schwedische Botschaft (20. Mai 1999).
(Quelle: Hintergrundinformationen zum Einsatz der Int. Staatengemeinschaft im Kosovo und zur Beteiligung der Bundeswehr, 1999)

Der damalige NATO-Sprecher Jamie Shea beklagt den wackeligen gesellschaftlichen Konsens über die militärische Interpretation des Kriegsverlaufs:

"Einzelne Zwischenfälle wurden hoch-, der grundsätzliche Trend heruntergespielt. Die 0,1 Prozent Fehler der NATO wurden zum zentralen Drama des Konflikts und zum entscheidenden Maßstab für die Bewertung der militärischen und moralischen Effektivität der NATO." (Zit. vom 15.6.1999 )
(Zit. nach Pounder, G.: Opportunity Lost. In: Airpower Journal 2/2000, S. 56-77.)

Luftwaffengeneral u. NATO-Sprecher Walter Jertz, der zusammen mit dem Briten Jamie Shea während des Kosovo-Krieges viele NATO-Pressekonferenzen in Brüssel geleitet hat, resümierte im Nachhinein:

"Bilder sind Waffen, und die NATO habe im Umgang mit diesen Waffen in den ersten Wochen erhebliche Fehler begangen. (...) Auf Grund der mangelhaften Öffentlichkeitsarbeit habe die Gefahr eines Stimmungsumschwungs in der Bevölkerung und bei den politisch Verantwortlichen in den NATO-Staaten existiert. Es habe die Möglichkeit bestanden, dass die Kampfhandlungen hätten abgebrochen werden müssen."
(Zit. nach Zwischen Information und Propaganda. www.nzz.ch, 19.12.00.)

Maj. Gary Pounder, USAF, fordert in seiner Analyse dieses Krieges, den er auch als "ersten echten Medienkrieg" bezeichnet:

"Jeder - Kommandeure, Infowar-Spezialisten und Presseoffiziere - wird lernen müssen, militärische Öffentlichkeitsarbeit als Schlachtfeld zu verstehen, das wie jedes andere auch umkämpft und beherrscht werden muss."
(Pounder, G.: Opportunity Lost. In: Airpower Journal 2/2000, S. 56-77.)

Die von der NATO erstmals postulierte Zielvorgabe der Informationsüberlegenheit als bestimmender Faktor über Sieg oder Niederlage definiert eine direkte Konfrontationslinie zwischen militärischen Interessen und "feindlicher" Öffentlichkeit. Es lag auf der Hand, dass die US-amerikanischen Public Affairs- und PsyOp-Strategen im nächsten Krieg mit allen Mitteln versuchen würden zu verhindern, dass Widersprüche und Widerspruch ihre Dominanz über das Informationsspektrum noch einmal in dem Ausmaß gefährden. James Kitfield, Korrespondent für Nationale Sicherheit und Außenpolitik beim US-amerikanischen National Journal schrieb im Sommer 2001:

"Wie die Konfrontation zwischen Militär und Medien in der Kosovo-Berichterstattung offenbarte, vergrößert der Wandel im Selbstverständnis und in den Techniken militärischen und journalistischen Handelns zukünftig den kulturellen Bruch zwischen beiden Bereichen: In vielerlei Hinsicht werden der Journalismus chaotischer, die militärischen Kontrollmaßnahmen schärfer werden."
(Lessons From Kosovo. In: Media Studies Journal/Volume 15, Number 1, Summer 2001.)

Und John MacArthur, Publizist und Autor des Buches "Die Schlacht der Lügen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften." (1992), warnte vor Beginn des Kriegs gegen Afghanistan freischaffende Reporter, auf eigene Faust in die Kampfzonen zu reisen:

"Dies könnte der erste Krieg sein, in dem ein amerikanischer Journalist ... von einem Ledernacken erschossen oder erwürgt wird, weil er im Weg stand."
(The Village Voice, 26.9.01.)

Die US-Informationspolitik nach dem 11. September

Informationsverhinderung durch Zensur

  • Bis heute gewährt das US-Verteidigungsministerium keinem Journalisten die Möglichkeit, US-Einheiten bei Einsätzen in Afghanistan zu begleiten; 
  • Bis heute erlaubt das Pentagon nicht, dass Journalisten die US-Basen in Usbekistan, Pakistan oder anderen Ländern, von denen aus die US-Truppen agieren, zu besuchen. 
  • Als am 5. Dezember die Opfer der fehlgeleiteten B52-Bombe in die US-Marine-Basis "Camp Rhino" gebracht werden, müssen die anwesenden Pool-Journalisten in einem Gebäude fernab warten; man will nicht, dass sie Augenzeugen dieser Situation werden. ("Tight Control Marks Coverage Of Afghan War.", Washington Post, 7.12.01.)
  • Auch im Camp Rhino ist den Journalisten nicht erlaubt, Truppen bei Einsätzen zu begleiten. Sie werden dazu aufgefordert, über Feldgottesdienste oder Beförderungszeremonien zu berichten; verboten ist die Berichterstattung über konkrete Vorfälle, auch wenn das Pentagon sie bereits bekanntgegeben hat. (ebd.)
  • Herbert Winkler, dpa, schildert den Mangel an authentischem Bildmaterial und die Abhängigkeit von militärischen Quellen: "Wie einst aus dem Irak flackern jetzt aus Afghanistan amtlich freigegebene Satellitenfotos und Aufnahmen mit Nachtsichtgeräten über die Bildschirme, deren Informationswert gleich Null ist. (...) Da sich nur wenige US-Journalisten in Pakistan und Usbekistan aufhalten, sind die dürren Zahlen des Pentagon über Angriffsziele und Zahl der angreifenden Flugzeuge oder Marschflugkörper so gut wie die einzige Informationsquelle." (19.10.01 )

Nebelwerfer: Die Professionalisierung der PA- und PsyOps

  • Auch wenn Bush in seinen Reden immer wieder betonte - und viele NATO-Alliierte mit ihm - es ginge nicht um "Rache" oder "Vergeltung": in vielen Medien, nicht nur in den USA, hielten sich die Begriffe "Vergeltung/Vergeltungsschläge" vom 7. Oktober, dem Beginn der Bombardierung Afghanistans, bis in den November hinein:


    CNN-Website, 21.10.01:
    "Retaliation" als Rubrik - über "Investigation" und Recovery"


    ZDF-Website, 7.10.01:
    "Vergeltungsschlag" gegen "mutmaßliche Drahtzieher" 

  • Die Beteuerungen, das Ziel der Angriffe sei Osama bin Laden und die ihn schützenden Taliban, nicht die Zivilbevölkerung, erwiesen sich als nicht haltbar. Am 9. Oktober sind die ersten zivilen Opfer zu beklagen, als eine US-Bombe ein UN-Gebäude in Kabul trifft.
  • CNN übernimmt von Al Jazeera Filmberichte über die Zerstörungen ziviler Infrastruktur und getöteter ZivilistInnen. Und wieder löst die Darstellung kontradiktiver Bilder & Nachrichten in den US-amerikanischen PsyOp- und PA-Abteilungen die inzwischen bekannten Reflexe aus: Die Bush-Administration startet professionelle Public Relations-Kampagnen, über die die New York Times schreibt:

    "Die derzeitigen PR-Anstrengungen sind vielleicht die ambitioniertesten Maßnahmen in der Kriegskommunikation seit dem 2. Weltkrieg. Dieses hochgradig orchestrierte Unternehmen ist ein erster Schritt in eine breitere Kampagne; es ist die Gestaltung eines für das 21. Jahrhundert aktualisierten Propagandakrieges wie ihn die USA in den 40er Jahren führte."
    (William Powers, National Journal, 16.11.01.)

  • Das Pentagon schließt noch im Oktober einen 4-Monatsvertrag mit der PR-Firma Rendon Group ab, für 397.000 US-$ soll sie dafür sorgen, dass der Krieg in Afghanistan dem Ansehen der USA und der Bush-Regierung nicht schadet. Der Vertrag enthält eine Verlängerungsoption bis weit ins Jahr 2002. (Nach N. Solomon, 25.10.01.) Rendon soll die Presse in 79 Ländern beobachten und politische und publizistische Gegner identifizieren. Sie soll auch eine "Anti-Terror"-Website publizieren, die neben Informationen über Terrorgruppen positive Botschaften über die US-Kriegsführung verbreiten soll. (FR 29.10.01)
  • Das US-Außenministerium verpflichtet mit Charlotte Beers eine ehemalige Werbemanagerin, deren Aufgabe es sein soll, die US-amerikanischen Werte insbesondere ausländischen Öffentlichkeiten, speziell in islamischen Ländern, näher zu bringen. Beers entwirft Ende Oktober Grundzüge einer Kampagne, die die USA zu einem Markenzeichen "ähnlich wie McDonald's Hamburgers" machen soll. Peter Feaver, Professor für Politikwissenschaften, schreibt am 2.12.01 in der Washington Post:

    "Der bemerkenswerte militärische Fortschritt des Krieges in Afghanistan hat den USA eine Atempause an der globalen PR-Front verschafft. ... Aber auf dem schwierigen Kriegsschauplatz der öffentlichen Meinung in Europa ist der Krieg gegen den Terror noch lange nicht gewonnen. Wenn Präsident Bush tatsächlich ernst macht mit der Ausweitung des Konflikts über Afghanistan hinaus, braucht er alle PR-Hilfe die er bekommen kann, um unsere europäischen Alliierten bei der Stange zu halten."

Verschleierungen, Verzerrungen u. Auslassungen

  • Das Dorf Kama Ado wurde am ersten Dezember-Wochenende von B52-Bombern zerstört. 15 Männer, Frauen und Kinder starben. Das US-Verteidigungsministerium, konfrontiert mit Berichten über die zivilen Opfer, leugnete das Geschehen. Britische Journalisten, die den Ort besuchten, berichteten am 4. Dezember aus "dem Dorf, in dem nichts geschehen ist". (Nach The Independent, 4.12.01) Der Spiegel titelte einen Tag später "Blutbad durch US-Bomben. Das Dorf, in dem nichts passierte". (Der Spiegel Online, 5.12.01.)
  • Über das Massaker in der Gefängnisfestung Kala-i-Dschangi Ende November berichteten die Medien weltweit. In den US-Zeitungen, auch in der New York Times und der Washington Post, wurden als Quellen weitgehend das Pentagon und US-Militärs zitiert. Dort hieß es, etwas 30 Taliban hätten Waffen in das Gefängnis geschmuggelt und das Feuer auf ihre Bewacher eröffnet. Amerikaner seien nicht zu Schaden gekommen. Der Aufstand sei letztendlich durch US-Bomber niedergeschlagen worden, die die Festung angegriffen und 100 Gefangene getötet hätten. "Es war definitiv eine Selbstmordmission" zitierte die New York Times einen Militärsprecher. Die London Times widerspricht diesen Schilderungen und berichtet, die Unruhen hätten begonnen, als zwei CIA-Agenten während eines Verhörs mehrere gefangene Taliban töteten. Die britische Zeitung meldet, dass zwei Amerikaner getötet worden seien und mehr als 800 Taliban. Es sei keine Selbstmordmission oder ein Aufstand gewesen, sondern die verzweifelte Reaktion von Gefangenen, die glaubten, sie würden jetzt ohne Verhandlung exekutiert. Nach dem britischen Guardian wurden bei etwa 30 Bombenangriffen viele Taliban getötet, aber erst nachdem US-Helicopter den Gefängnishof mit Gewehrfeuer belegten, gelang es den Truppen der Nordallianz mit einem Panzer einzudringen. Sie ermordeten dann fast alle der noch lebenden Taliban. (Nach Geov Parrish, Afghan prison massacre. In: Working For Change, 4.12..01; s.auch amnesty international dazu.)

    Aktueller Nachtrag am 6. Jan. 2002: Prof. Marc W. Herold, Whittemore School of Business & Economics, University of New Hampshire, hat heute seine Studie "A Dossier on Civilian Victims of United States' Aerial Bombing of Afghanistan" publiziert, nach der bisher 3.767 ZivilistInnen, Kinder, Frauen und Männer, durch die US-amerikanischen Angriffe ermordet wurden.

"Medienschelte"

John Underwood, Kommunikationsdirektor für die Labour Partei während des Wahlkampfs 1992, sagt, dass die staatliche Kontrolle im Krieg auch ein verantwortliches Medien-Management beinhaltet: "Es wird schwer genug diesen Krieg mit der Unterstützung der Medien zu gewinnen; es wird unmöglich sein, wenn die Medien ihn behindern." (Zit. nach J. Hodgson: "Don't 'tell the whole truth' in war, advises ex-spin doctor." In: Media Guardian, 23.10.01.)

  • Als Bill Maher in seiner ABC Show "Politically Incorrect" am 17.9. kommentiert, die USA schieße Cruise Missiles aus 2000 Meilen Entfernung ab, dies sei ungleich feiger als die Selbstmord-Attentäter, schalteten mehrere lokale Stationen seine Sendung ab.
  • Für das Weiße Haus reagierte Regierungssprecher Ari Fleischer auf Mahers Statement mit einer "Mahnung an alle Amerikaner: Sie müssen darauf achten, was Sie sagen und was Sie tun, denn dies ist nicht der richtige Augenblick für solche Bemerkungen ..." (Cleveland Plain Dealer, 30.9.01.)
  • Im Oktober, so berichtet die New York Times, bekam die Washingtoner Korrespondentin für NBC News, Campbell Brown, einen Telefonanruf aus dem Weißen Haus. Ein Regierungsvertreter erteilte ihr eine dezente Abmahnung, weil sie während einer Pressekonferenz dem Leiter der "Homeland Security", Tom Ridge, kritische Fragen gestellt habe. ("Bush Plans Speech With Coherent, Unified Message", New York Times, 2.11.01.) Die Redaktion des kriegskritischen Internet-Informationsangebots "Alternet" konstatiert angesichts dieser Situation:

    "Gerade wenn eine gewissenhafte Erwiderung, politische Kritik, kluge Analyse, öffentliche Aufklärung und eine angemessenere Außenpolitik so besonders notwendig sind, werden abweichende Stimmen und Meinungen ausgeblendet oder als 'unamerikanisch' abqualifiziert."

Dämonisierung des Gegners & "humanitärer Imperativ"

Ob für "Enduring Freedom" oder "Infinite Justice", ob für einen "Kreuzzug" oder "den Kampf der Zivilisation" - die Bush-Administration hat klare Frontlinien gezogen zwischen "the good an the evil" - und mit "wer nicht für uns ist, ist gegen uns" einen globalen Konsens für die Legitimität des Waffenganges beschworen.

  • In seiner Rechtfertigung des Krieges bemüht Bush schon aus anderen Kriegen des letzten Jahrzehnts bekannte Faschismus-Analogien, zuletzt vor der UN-Vollversammlung im November, als er sagte: "Diese Terroristen suchen nach Massenvernichtungswaffen um ihren Hass in einem Holocaust umzusetzen." (FR, 14.11.01.)
  • Verteidigungsminister Donald Rumsfeld berichtete Reportern am 19. November, auf Flugblättern sei eine Belohnung von 25 Mio. US-Dollar in Aussicht gestellt worden für Hinweise die zur Ergreifung Osama bin Ladens und seines Leutnants Aimen al Zawahiri führten.

    Entsprechende Flugblätter wurde über Afghanistan abgeworfen:

  • Zugleich wird im Sinne der PR-Strategen ein "Humanitärer Imperativ" beansprucht, um gegenüber der islamischen Gemeinde in den USA, den Verbündeten insbesondere in den arabischen Staaten und auch in Europa klare Zeichen zu setzen - indem Bush z.B. darauf verweist, dass außer Bomben auch Lebenmittel und Medikamente über dem Kriegsgebiet abgeworfen werden; Zitat: "Die unterdrückte Bevölkerung in Afghanistan wird die Großzügigkeit der Amerikaner und ihrer Alliierten erkennen." Die US-amerikanische Jugend forderte er sogar dazu auf, Dollar-Scheine einzuschicken, "als besonderer Beitrag zur Unterstützung der afghanischen Kinder".
    (N. Solomon: "Killing Them Softly: Starvation and Dollar Bills For Afghan Kids", 12.10.01.)

    Dieses Flugblatt wurde mit den gelben Hilfspaketen - denen jeweils eine US-Fahne angeheftet war - aus C-17 Transportmaschinen abgeworfen. Auf dem Flugblatt heißt es in englisch, spanisch und französisch: "Dies ist ein Lebensmittel-Geschenk der Bevölkerung Amerikas."

Ausschaltung der feindlichen Informations-Infrastruktur

  • Schon im Oktober hat die National Imagery and Mapping Agency (NIMA), eine Abteilung des US-Verteidigungsministeriums, einen Exklusiv-Vertrag mit der Firma Space Imaging Inc. abgeschlossen und alle Rechte über die Satellitenfotos aufgekauft, die Space Imaging von Afghanistan und benachbarten Gebieten macht. Space Imaging galt bis dahin als die weltbeste Quelle für hochauflösende Satellitenaufnahmen. Jetzt ist den Nachrichtenmedien der Zugriff auf dieses Material verwehrt; noch eine Chance weniger, Behauptungen des Pentagon zu überprüfen oder sich selbst ein Bild von der Lage in diesem Kriegsgebiet zu machen. ("Pentagon Corners Output of Special Afghan Images", New York Times, 19.10.01.)
  • Am 13. Nov. zerstören US-Bomben das Al-Jazeera Büro und die Büros der Associated Press und BBC in Kabul. Menschen werden nicht verletzt, aber der materialle Schaden beläuft sich allein für Al-Jazeera auf 800.000 US-Dollar. Gefragt, ob er glaubt, die Redaktion sei absichtlich bombardiert worden, antwortete der Al-Jazeera-Geschäftsführer Mohammed Jassim al-Ali: "Sie wussten, wo wir unsere Büros haben und welche Ausrüstung sich hier befindet. Trotzdem wurden wir nicht gewarnt." (The Independent, 13.11.01.)
    Ein Flugblatt der US-PsyOp-Einheit
    "193rd Special Operation Wing Commando Solo"
    das aus einem Flugzeug über Afghanistan
    abgeworfen wurde, um die afghanische Bevölkerung
    über Sendezeiten und Frequenzen des
    "Commando Solo-Informationsprogramms"
    in Kenntnis zu setzen.

Substitution "feindlicher" Medien im Kriegsgebiet

  • Nach Informationen der in Pakistan ansässigen Nachrichtenagentur Afghan Islamic Press/aip hat das US-Militär Anfang November Frequenzen von Taliban-Radiosendern "gekapert" und beschallte die Taliban-Hochburg Kandahar mit Nachrichten und Musikstücken. (dpa/afp, 1.11.01.)
  • Für den Ausbau des neuen "Radio Free Afghanistan" wurden 27 Millionen US-$ bewilligt. (FR, 14.11.01.)
  • Den arabischen Programmen von "Voice of America" wurden nach dem 11. Sept. ebenfalls mehr Mittel zur Verfügung gestellt (FR, 14.11.01.)
  • Für 1,1 Mrd. US-$ will das US-Parlament ein neues analoges Satelliten-TV-Programm installieren, das in 26 Sprachen ausgestrahlt werden und Muslime in 60 Ländern erreichen soll. Das "Project 9/11" (so der Arbeitstitel unter Anspielung auf das Datum der Anschläge) ist explizit geplant als Gegenangebot zu Al-Jazeera. (FR, 14.11.01.)
  • Die US-Journalisten im Informationskrieg

    Patriotismus-Hype und Unterwerfungsgesten

    Während die Fernsehbilder von trauernden Angehörigen der Opfer, vom "Ground Zero" in Süd-Manhattan, von verzweifelt-beharrlich in der Schuttwüste grabenden Rettungskräften, explodierenden WTC-Türmen und den Trümmern des Pentagon zu Endlosschleifen stilisiert wurden, immer häufiger durchsetzt von Symbolen des landesweit anschwellenden Patriotismus’, ergänzten die Nachrichtenredaktionen bei CNN, Fox News Channel und NBC ihre eigenen Grafiken und Inserts um kleine US-Flaggen, manche SprecherInnen tragen blau-weiß-rote Bänder an ihrer Kleidung. In der New York Times heißt es dazu am 20.9.01:

    "Nachrichtenmoderatoren und Korrespondenten haben nicht gezögert, ihre Berichterstattung nach den Angriffen überwiegend auf die US-amerikanische Perspektive auszurichten. Der Gebrauch der Pronomen ‘wir’ und ‘uns’ war üblich. ... Kritiker sagen, dass solche Aktionen die Rolle der Moderatoren als unbeteiligte Überbringer von Nachrichten untergraben und die öffentliche Meinung dahingehend verstärken, dass sie dazu beiträgt Amerika in einen Kriegszustand zu treiben."

    "Kriegs-Layout" im Internet:


    N24-Logo

     

  • Ganz ungehemmt bekennt der CBS-Nachrichtenmoderator Dan Rather am 18.9. seine Loyalität in der "Late Show With David Letterman": "George Bush ist der Präsident, er trifft die Entscheidungen, und wo auch immer er mich hinschickt, ich werde gehen." (Draping Newscasts With the Flag. New York Times, 20.9.01.)
  • Der Nachrichtenmoderator des inzwischen vielfach wegen Kriegstreiberei kritisierten TV-Networks "Fox", Jon Scott, überraschte den deutschen Botschafter Wolfgang Ischinger in einer Sendung am 18.9. mit den Worten: "Wir werden demnächst gemeinsam mit Ihrem Land diese Terroristen auslöschen." (New York Times, 20.9.01.)
  • Der Werbeslogan des Networks lautet "Wir berichten - Sie entscheiden." Fox hat jedoch früh für sein Publikum entschieden, dass ein paar "Kollateralschäden" eine Berichterstattung nicht wert seien. Brit Hume, Fox-Nachrichtensprecherin, begründete die einseitige Berichterstattung ihres Senders gegenüber der New York Times:

    "Neutralität als Prinzip ist ein angemessenes Konzept für Journalisten, die über vergleichbare Institutionen berichten. Dies ist aber ein Konflikt zwischen den USA und mordenden Barbaren."
    (Draping Newscasts With the Flag. New York Times, 20.9.01.)

  • Die renomierte Medieninitiative FAIR berichtet am 08.11. von einem Memo, das in der Redaktion des "News Herald" in Panama City/Florida kursierte; darin heißt es:

    "Zeigen sie auf der Titelseite keine Fotos ziviler Opfer des US-Krieges gegen Afghanistan. Unsere Redaktion in Fort Walton Beach hat es getan und daraufhin hunderte wütende E-Mails erhalten. Wenn die Story umgeschrieben werden muss um die zivilen Opfer herunterzuspielen, tun Sie es. Die einzige Ausnahme ist, wenn das US-Militär ein Waisenhaus trifft oder ähnliche Einrichtungen und dabei hunderte Kinder umkommen."

Einseitigkeit der Quellen und Expertisen

Schon am 11.9. lässt CNN den ehemaligen Außenminister Lawrence Eagleburger mit der Einschätzung auf Sendung gehen, "es gibt nur einen Weg mit Leuten wie diesen umzugehen, man muss einige von ihnen töten, auch wenn sie nicht sofort als direkt Beteiligte zu erkennen sind." (Zit. nach: "Commentators Are Quick to Beat Their Pens Into Swords.", Washington Post, 13.9.01.)

Im Laufe der nachfolgenden Wochen rekrutieren die Networks weitere Experten aus dem militärischen Bereich, die regelmäßig als Kommentatoren und "Berater" in den Sendungen; z.B.

  • für CBS: der ehem. Verteidigungsminister William S. Cohen,
  • für NBC: der ehem. General der US-Army Barry McCaffrey,
  • für CNN: der ehem. Air Force General Don Shepperd und der ehem. NATO-Kommandeur Wesley Clark.
(Nach David Folkenflik: Networks recruit military advisers. In: Sunspot, 31.10.01.)

Edouard Markiewicz (Media Action International/Genf) verweist in seinem Beitrag "Conflicts and Right to Information" ( Nov. 01) auf einige weitere redaktionelle bzw. institutionelle Verschränkungen zwischen Medien und Militär/Rüstungsindustrie:

  • General Electric produziert F-117 und B-52 Bomber, AWACS Radarflugzeuge und Navstar Spionagesatelliten und ist Besitzer des TV-Networks NBC, eines der fünf größten kommerziellen Fernsehsender der USA;
  • Cyrus Vance, früherer US-Außenminister, ist Mitglied im Herausgeberkreis der New York Times und im Vorstand von General Dynamics, einem der größten US-Waffenproduzenten;
  • Harold Brown, ehem. Verteidigungsminister sitzt im Vorstand des TV-Senders CBS;
  • Robert Mc Namara, Verteidigungsminister während des Vietnamkrieges, ist Mitherausgeber der Washington Post;
  • der US-amerikanische Kommunikationskonzern ATT, auch ein Gigant in der Rüstungsindustrie, produziert "Informationsprogramme" für den einzigen landesweit sendenden nicht-kommerziellen Fernsehsender Public Broadcasting System (PBS).

"Die Schere im Kopf": Selbstzensur

  • Associated Press meldet am 26.9.01, der Zeitungsjournalist Dan Guthrie sei entlassen worden, nachdem er am 15. September im Daily Courier/Oregon geschrieben hatte: "Die Passagiere, die mit den Entführern kämpften, bevor das Flugzeug in Pennsylvania abstürzte, sind die Helden. Dagegen ist das Bild von George Bush, der sich in einem Loch in Nebraska versteckt, nur peinlich".
  • CNN-Chef Walter Isaacson verlangt von seinen Korrespondenten, sie sollten bei ihren Berichten über die Zerstörungen in Afghanistan und das Elend der Bevölkerung darauf hinweisen, dass die Taliban-Führung mörderischen Terroristen Schutz gewähre. Darum, so Isaacson, sei es "fast pervers, sich zu stark auf das Elend und die Verluste in Afghanistan zu konzentrieren." (FR vom 1.11.01)
  • Ebenfalls weitgehend ausgeblendet ist die Berichterstattung über Anti-Kriegsbewegungen in den USA oder anderswo: FAIR berichtet Anfang Oktober, dass die New York Times seit dem 11. September die Aktivitäten der Friedensbewegung systematisch herunterspielt und verzerrt. Als zum Beispiel am 29. September Tausende Kriegsgegner in Washington, D.C. demonstrieren, titel die Zeitung über einem aus 10 Sätzen bestehenden Artikel: "Protestler in Washington drängen auf Frieden mit den Terroristen."
  • CNN berichtet an exponierter Stelle über die Reaktion Bill Clintons auf die Friedensaktivisten: "Sie können sagen was sie wollen, denn das hier ist Amerika. Die Leute, die uns das angetan haben, würden ihnen das selbe Recht nicht zugestehen. Wenn sie in Afghanistan lebten, oder in einer Welt, wie sie sich Bin Laden vorstellt, könnten sie ihre Gedanken nicht aussprechen."
  • Ein Beispiel aus Deutschland: Im Offenen Kanal Frankfurt-Offenbach sollte am 8. Oktober eine deutschsprachige Sendung des Moderators Saaed Habibzadeh "Kleine Kriege, große Kriege" über die US-Militärangriffe gesendet werden. Die Hessische Landesmedienanstalt verbot die Ausstrahlung. Weil es sich dabei aber um eine Diskussion mit direkter telefonischer Zuschauerbeteiligung gehandelt hätte, habe, so sagte die Sprecherin der Hessischen Landesmedienanstalt, Annette Schriefers, der Nachrichtenagentur dpa, die Gefahr bestanden, dass Zuschauer verfassungsrechtlich und rundfunkrechtlich verbotene Dinge gesagt hätten. Schriefers begründete das Verbot der Sendung mit der Befürchtung, es hätte darin zur Verletzung religiöser Gefühle und Volksverhetzung kommen können.
  • Weltweites Aufsehen erregte das Zusammentreffen der Vorstände der TV-Networks ABC, CBS, NBC, Fox and CNN am 10. Oktober zu einer Konferenz mit der Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte vereinbarten die größten US-TV-Networks einen gemeinsamen und weitreichenden Akt der Selbstzensur: Sie stimmten ihrer Anregung zu, in Zukunft keine Video-Reden von Al Qaeda mehr ungeschnitten zu zeigen und potentiell aufrührerische Texte vor der Ausstrahlung zu entfernen. CNN erklärte in einem offiziellen Statement: "Im Hinblick auf die Frage was gesendet wird berücksichtigt CNN die Anleitung durch die zuständigen Behörden." (Nach Fair: "Networks Accept Government 'Guidance'" 12.10.01.)

    Knapp drei Wochen später berichtet Howard Kurtz in der CNN-Sendung "Reliable Sources" (3.11.01), ein an diesem Tag erschienenes Video sei von den Networks nur noch kurz - illustriert von einem Standbild - zitiert worden.

  • Alle Sender, auch die Nachrichtenkanäle in der Bundesrepublik zögerten jedoch nicht, das letzte, nach intensiver Bearbeitung durch US-Geheimdienst-Spezialisten freigegebene, Video ausführlich zu dokumentieren und die pentagon-offizielle Nachricht weiterzuverbreiten, hier sei nun der wasserdichte Beweis, das Schuldeingeständnis Bin Ladens für die Terroranschlägen in den USA. Ich stimme der Einschätzung Karl Grobes in der FR vom 15.12.01 zu, dass das allseits kolportierte "Beweismittel" nicht wirklich eines ist. Er schreibt:

    "Nicht unwahrscheinlich, obgleich vorerst unbeweisbar, ist die Annahme, dass bin Laden mit Detailwissen prahlte, das er nachträglich erworben hat; die Fernsehberichte der US-Medien dürften ihm nicht unbekannt geblieben sein. Die Rhetorik, der er sich bedient, entzieht sich einer "punktgenauen" Übersetzung. Vor Gericht wäre als Erstes zu entkräften, dass er um des eigenen Ruhmes willen sich nachträglich der Urheberschaft einer Tat rühmt, die er freilich begrüßt. Einen konkreten Beweis liefert das Video nicht."

Aufruf zu Gewalt und Rache - Journalismus im Affekt?

  • Steve Dunleavy fordert am 12.9.01 in der New York Post: "Die Antwort auf dieses unvorstellbare Pearl Harbour des 21. Jahrhunderts sollte so einfach wie prompt sein: Tötet die Bastarde. Ein Schuss zwischen die Augen, schießt sie in Fetzen, vergiftet sie wenn nötig. Was die Städte oder Länder betrifft, die diesen Würmern Unterschlupf gewähren, bombt sie zu Basketballfeldern."
  • Newsweek & MSNBC veröffentlichen am 5.11. einen Artikel mit dem Titel "Es ist an der Zeit über Folter nachzudenken", in dem es heißt: "Die Welt hat sich verändert und zum Überleben könnten alte Techniken erforderlich werden, die nicht mehr zur Debatte zu stehen schienen. (...) Wir müssen darüber nachdenken, einige Verdächtige unseren weniger empfindlichen Alliierten zu überstellen, auch wenn das heuchlerisch wäre. Niemand hat behauptet, dass es schön werden würde."

So makaber es klingt - die Herbeiführung dieser Stimmungslage ist ein Glücksfall für die US- und auch für viele andere westliche Regierungen. Ihre politische Verantwortung für diesen Hass, die Sinnhaftigkeit ihrer militärischen Doktrinen oder die Glaubwürdigkeit ihrer Geheimdienstaktivitäten stehen (noch) nicht zur Disposition. Die Bush-Administration hat es geschafft, die Bevölkerungsmehrheit in den USA auf den Krieg einzuschwören und die Popularität des "50-Percent"-Präsidenten deutlich zu steigern. Niemand macht einen Hehl daraus, wer ihr dabei geholfen hat; so analysiert David Carr, Medienkritiker und Autor, in der Washington Post am 24.9.:

"Es gab eine kollektive Entscheidung, das Image des Präsidenten neu aufzubauenund die Medien kooperieren hundertprozentig. Die Journalisten sind sehr darum besorgt, ihm zu einer kriegstauglichen Präsidentschaft zu verhelfen. Denn vielleicht sind wir bald im Krieg und er ist der einzige Präsident, den wir haben. Wenn man über Leute mit so klaren Zielen verfügt, die einem als Augen und Ohren dienen, glaube ich nicht, dass man zwangsläufig die Wahrheit erfährt. Es ist nichts anderes als eine eher patriotische Public Relation-Arbeit."

Nachtrag aus aktuellem Anlass:
Jetzt rücken Bundeswehreinheiten im Rahmen einer "UN-Afghanistan-Schutztruppe" in das Krisengebiet ein. Ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Und die Stimmung an der "Heimatfront" ist deutlich nicht auf der Seite der Kriegsbefürworter, die im Bundestag und Bundesrat eine Mehrheit für den Marschbefehl abnicken ließen. Die US-Anti-Terror-Krieger ziehen ab und UN-Truppen sollen hinterher aufräumen? Sind das die Perspektiven: Bush's "Infinite Justice" für die "Schurkenstaaten" dieser Welt - für Jemen, Somalia, Irak oder wen und wo auch immer? Können wir diese Strategie wirklich hinnehmen oder sogar unterstützen? Warum wird der Forderung nach einer völkerrechtlich abgesicherten Polizeifahndung gegen die Verbrecher, die die Terroranschläge in den USA als Drahtzieher zu verantworten haben, kaum öffentliche Aufmerksamkeit zuteil? Weder die Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit dieser Militäreinsätze noch die Rolle der Bundeswehr in diesem Szenario stehen für die hiesigen etablierten Medien wirklich zur Debatte. Vielmehr agierten die Redaktionen seit dem Beginn des Krieges als könnten sie es gar nicht mehr erwarten, dass es endlich losgeht. Warum auch immer - Herdentrieb? Sensationslust? Orientierungslosigkeit? - schon vor Wochen kolportierte man immer wieder Meldungen, die den Eindruck vermittelten, ein Einsatz der Bundeswehr stehe kurz bevor.
Beispiel: der "Fuchs-Spürpanzer-Hype" vom 17.10.01 (und damit angefangen hat die Bild-Zeitung):

Bundeswehr-Homepage am 17.10.01:

Webmaster & Layouter seit Oktober mobilisiert
Zumindest wissen wir nun, wo die wirklich verbindlichen Anzeichen für einen bevorstehenden Kriegseinsatz der Bundeswehr zu finden sind. Im Oktober war die BW-Homepage bereits marschbereit: Auf der Seite "Enduring Freedom" im Internet-Angebot des Bundesverteidigungsministeriums war das Link "Deutsche Beteiligung" schon vorbereitet, wenn auch noch nicht aktiv ...
(Screenshot vom 17.10.01.)

Die Affinität der US-Networks zu "offiziellen"/militärischen Quellen bzw. Positionen ist aber nicht nur durch personelle und institutionelle Verschänkungen zu erklären; ebenso wenig wie der fanatische Patriotismus und das offene Plädoyer für Rache und Gewalt in den Medien mit der Schockwirkung zu entschuldigen sind, die die verbrecherischen Terroranschläge in New York und Washington ausgelöst haben.
Eine weitgehend loyale Haltung gegenüber dem politischen Establishment ist für die Mehrheit der JournalistInnen in den USA inzwischen eher normal. Aber das war nicht immer so. Für viele JournalistInnen in aller Welt hatte der in den späten 60er und 70er Jahren in den USA praktizierte investigative Journalismus eine Vorbildfunktion. Reporter wie Seymour Hersh, der das Massaker von My Lai enthüllte, oder Carl Bernstein und Bob Woodward von der Washington Post, die 1974 den "Watergate-Skandal" aufdeckten und damit Richard Nixon zum Rücktritt zwangen, setzten neue Maßstäbe: "Die Journalisten wurden frecher und forderten die politischen Autoritäten heraus. ... Das alte Modell des ‘objektiven’ Journalismus’ wurde von einer eher aktiven, analytischen und beobachtenden Berichterstattung abgelöst."

Erst ab Mitte der 80er Jahre kam es zu einer erneuten Trendwende, als das wachsende Angebot lokaler Fernsehnachrichten den Konkurrenzdruck zwischen den Sendern verschärfte. Infolge dieses Verteilungskampfes kam es zu Budgetkürzungen und einer zunehmender Orientierung an Einschaltquoten. Die stärkere wirtschaftliche Ausrichtung führte dazu, dass "Buchhalter und Zahlenhengste" im Großen und Ganzen die Kontrolle über die US-Medien übernahmen, so Harrison Salisbury, der in den 60ern als kritischer Vietnam-Korrespondent der New York Times berühmt geworden war. Diese "Buchhalter und Zahlenhengste" hätten eine Ära beendet, in der Eigentümer und Redakteure sich die Verantwortung für die Pressefreiheit noch zu Herzen nahmen.

Der bereits zitierte CBS-Anchorman Dan Rather - übrigens ein ehemaliger Marine-Infanterist - bestätigte bereits nach Ende des Zweiten Golfkrieges den Verfall ethischer Prinzipien innerhalb seines Berufsstandes: "Wir lassen uns immer weniger von Verantwortung und Anstand leiten, ... sondern immer mehr von Macht und Geld." Es mangele, so Rather, den JournalistInnen an der Bereitschaft, "kein Blatt vor den Mund zu nehmen ... und mit seiner Meinung herauszurücken". Dies entspräche "einer allgemeinen Tendenz des amerikanischen Journalismus’ in den letzten fünf bis zehn Jahren ... Diese Tendenz geht dahin, die Mitte zu suchen und mit der Masse zu gehen, keinen Ärger zu machen, keine unangenehmen Fragen zu stellen, kein Risiko einzugehen ... Es ist in diesem Lande noch nicht allzu lange her, dass ein Reporter, um in den Augen seiner Kollegen, als dieser Bezeichnung würdig zu sein, unangenehme Fragen stellen musste. Es ging dabei nicht um einen Popularitätswettstreit, sondern um eine Aufgabe, eine Verantwortung."

Jetzt, zehn Jahre später, begeht der etablierte Journalismus im Land des "1st Amendment" einen für einen demokratisch verfassten Staat bisher beispiellosen Verrat an dieser Verantwortung: Anstatt seine RezipientInnen im Sinne ethischer Grundregeln und professioneller Normen zumindest umfassend und mit der gebotenen - und bisher üblichen, wenn auch eher minimalen - Distanz zu unterrichten, dominieren Emotionalität, Einseitigkeit, Unterwerfungsgesten und Manipulationen am Nachrichtenmaterial die Arbeit in den Redaktionen.
Auch wenn während früherer Kriege vielleicht im Ansatz ähnliche Reflexe wahrnehmbar waren, so haben sich zwei zentrale Prämissen der Kriegsberichterstattung grundlegend geändert:

Erstens wird die Kooperation der Medien im eigenen Land oder in allierten Staaten von den Informationskriegsstrategen nicht mehr wie früher nur 'mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen', sondern als wichtigste Vorbedingung für den Krieg entweder vorausgesetzt oder sie wird erzwungen - bisher noch mit Mitteln wie Zensur, offensiver militärischer Informationsintervention und Disziplinierungsstrategien ("Patriotismus", "nationale Sicherheit" usw.). Denn wenn die Konstruktion von Medienrealität im Krieg und die Kontrolle über diese Medienrealität zum kriegsentscheidenden Faktor erklärt werden, sind die zivilen Medien - als Teil der "militärischen Informationsumgebung" (s.o.) - entweder Opfer oder Täter in diesem Kampf um "Informationsüberlegenheit". Die Mehrheit der US-amerikanischen Massenmedien hat sich freiwillig zu Wegbereitern und Kombattanten des US-amerikanischen "Anti-Terror-Krieges" gemacht. Welche Auswirkungen dies mittel- und langfristig auf das Selbstverständnis der JournalistInnen hat, auf die gesellschaftliche Bewertung, was das Ansehen, die Glaubwürdigkeit und die Orientierungsfunktion der Massenmedien betrifft, und - allgemeiner - auf die demokratische Informations- und Diskussionskultur des Landes, ist kaum abzusehen.

Zweitens verfügen die etablierten Informationsanbieter längst nicht mehr über die Monopolstellung, die in früheren Kriegen die Kontrolle über Themensetzungen, Quellenlagen und auch über die Publikation von Widersprüchen und Widerspruch erleichtert hat. Die Internationalisierung der Mediensysteme, die Digitalisierung der Nachrichtenübermittlung und die sukkzessive Vergesellschaftung der Informationsressourcen im Internet erleichtern die Auffindung und Aufdeckung 'blinder Flecken' in der Mainstream-Berichterstattung, die Entlarvung militärischer Propagandakampagnen oder z.B. auch die Interpretations- und Argumentationsstrategien in den offiziellen Diskursen über Ursachen, Verlauf und Ergebnisse eines Krieges - jenseits der tagesaktuellen und 'Live'-Berichterstattung. Die Entstehung dieser unabhängigen zivilgesellschaftlichen Informations- bzw. Kommunikationskultur eröffnet nicht nur neue Perspektiven für die Meinungs- und Willensbildung, die den professionellen Public-Affairs- und Public-Relations-Aktivitäten der Militärs und Politiker besser widersteht. Bei zunehmendem Reputationsverlust der etablierten Medien - insbesondere in Krisen- und Kriegszeiten - werden alternative (freie, kritische, oppositionelle) "Content Provider" als glaubwürdigere Quellen zu Konkurrenten, die neue Maßstäbe für die Qualität aktueller Informationen setzen. Die traditionellen Pressesysteme werden sich dementsprechend umorientieren müssen oder sie werden über kurz oder lang ihre Relevanz als "Welterklärer" verlieren.

Journalistische Initiativen gegen Vereinnahmung & Zensur

Dass die Medien nicht zwangsläufig zu Opfern oder Tätern im Kampf um "Informationsüberlegenheit" werden müssen, beweisen zahlreiche Initiativen, die die Medienberichterstattung beobachten und bewerten, kritische JournalistInnen und WissenschaftlerInnen, die versuchen, jenseits von Manipulation und Propaganda den Blick auf die Wahrheit des Krieges freizuhalten und den Schutz bzw. die Einhaltung der professionellen und ethischen Grundsätze einfordern:

  • Die Reporter ohne Grenzen protestierten z.B. am 21.11.01 in einem Brief an Verteidigungsminister Rumsfeld gegen die Bombardierung afghanischer Sendeanlagen durch US-Streitkräfte: "Die US-Regierung wiederholt die Fehler der NATO während des Kosovo-Krieges. Die Zerstörung der Propaganda-Maschine der Taliban ist eine keine Lösung des drängenden Problems einer pluralistischen Informationsstruktur für Afghanistan."
  • In einer gemeinsamen Erklärung der Medienbeauftragten der OSCE und UN sowie mehrerer internationaler Medieninitiativen heißt es am gleichen Tag: "Wir verurteilen die kriminellen terroristischen Angriffe des 11. September und erklären den Opfern unser tiefste Sympathie. Jedoch dürfen wir nicht gestatten, dass der Terror über die Menschenrechte allgemein und das Recht der Meinungsfreiheit im Besonderen triumphiert."

  • Bereits im September gründete sich in Großbritannien eine Gruppe "Medienschaffende gegen den Krieg", die gegenüber der Presse erklärten: "Wir müssen beobachten, was in den Massenmedien berichtet wird. Mit wenigen Ausnahmen wird ein falsches Bild von der Situation in Südasien gezeichnet. (...) Wo auch immer eine militärische Intervention durch die USA oder die NATO stattfindet, und unabhängig von der Art des Krieges, gibt es kaum unabhängige oder kritische Sichtweisen, in den Zeitungen werden fast ausschließlich Stellungnahmen militärischer Führer wiedergegeben.(Nach: Jessica Hodgson:"Journalists form anti-war group"; in: media.guardian, 24.9.01.)
  • Die International Federation of Journalists berichtet in einer Presseerklärung von einer Studie über die Ereignisse an und nach dem 11. September. Darin heißt es: "Die Ereignisse nach den Terrorangriffen und der Krieg gegen Afghanistan haben neue Probleme aufgeworfen. Es gab unzählige Versuche von Regierungen, die Medien zu manipulieren, indem sie Druck auf Journalisten ausübten und so die Qualität der Kriegsberichterstattung gefährdeten. Journalisten müssen frei arbeiten können ohne auf die Verteidigung staatlicher Definitionen von 'Patriotismus' oder 'nationalen Interessen' verpflichtet zu werden. Die IFJ verurteilt Regierungen, die jetzt schnell Anti-Terror-Gesetze durchbringen: In vielen Ländern (...) gibt es einen beunruhigenden Drang der Regierungen nach neuen Gesetzen zum Kommunikationswesen, zu Verschlüsselungstechnologien, Polizeiüberwachung, der Verwahrung von Einwanderern oder zur Bewegungsfreiheit."
  • In der Bundesrepublik gibt es im Oktober erste Reaktionen von JournalistInnen gegen Schilys "2. Anti-Terror-Paket": Die ver.di-Bundeskommission Freie und Selbständige kritisieren scharf die vom Innenminister eingebrachte Gesetzesvorlage, in der eine regelmäßige "Überprüfung" von Beschäftigten in sogenannten "Schlüsselbereichen" wie Banken, Krankenhäusern, Fernseh- und Rundfunkanstalten projektiert wird. Freiberufler und Selbständige seien bei einer solchen Überprüfung besonders verletzlich, da sie keinen Kündigungsschutz genießen. "Freie Mitarbeiter im Rundfunk müssen zum Beispiel befürchten, dass sie keine Aufträge mehr bekommen - ohne eine stichhaltige Begründung ihrer Auftraggeber". Womöglich würden Nicht-Angestellte aus allen "sicherheitsrelevanten" Bereichen verdrängt. "Wenn zudem gleichzeitig jeder und jede mit einem islamischen Hintergrund unter General-Verdacht gerät, wird das Bemühen um das friedliche Zusammenleben von Kulturen und um Multikulturalität in den Medien um Jahre zurück geworfen."

Einige weitere gute Adressen zur kritischen Berichterstattung sind u.a. zu finden in den "Bookmarks: Krieg gegen Terror?"

Afghanistan: Medienarbeit gegen Krieg und Traumatisierung

Ein typisches Kommunikationsproblem im Kriegsgebiet: Pakistan versucht die afghanischen Flüchtlinge in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, indem man ihnen unterstellt, sie brächten neue Seuchen (z.B. Polio) ins Land. Pakistan und Afghanistan haben lt. WHO aber das gleiche epidemische Profil; es kann also nicht sein, dass die Flüchtlinge die Krankheitsrate im Land erhöhen.

Ein Beispiel für die Notwendigkeit, die Bevölkerungen in der Krisenregion schnell mit unabhängigen Infos zu versorgen; weitere Aspekte:

  • Afghanistan war 20 Jahre isoliert von der Welt und selbst über die Situation im eigenen Land gibt es keine allgemeinen verbindlichen Nachrichten;
  • Informationen über die Versorgungs- und politische Lage müssen verbreitet werden, um Orientierung zu schaffen und Not zu lindern;
  • Traumaspezialisten (PsychologInnen/ÄrztInnen) sollen via Medien versuchen, die Menschen über Therapien zu informieren und erste Hilfe zu leisten;
  • Allein die Möglichkeit, dass Kinder, Frauen und Männer medienöffentlich über Kriegserlebnisse, Ängste, Hoffnungen, Perspektiven sprechen könnten, ist wichtig für die individuelle und gesellschaftliche Selbstwahrnehmung und ein Ansatz, den Krieg zu verarbeiten;
  • aus der Sicht verschiedener Medieninitiativen ist deshalb von größter Bedeutung, die nationalen Medien beim Wiederaufbau zu unterstützen z.B. durch Fellowships für junge JournalistInnen, oder Journalistik-Schulen;
  • viele afghanische JournalistInnen sind im Exil oder traumatisiert vom Krieg; für sie müssen Programme entwickelt werden, die es ihnen ermöglichen, ihre Arbeit im Land wieder aufzunehmen;
  • Eine der unbearbeiteten Fragen ist z.B. ob die USA im Krieg Uran-Munition oder -Bomben eingesetzt haben. Ob die einheimischen JournalistInnen dieser und anderen Fragen nachgehen wollen bzw. können ist noch ungewiss, da noch nicht absehbar ist, wie sich die US-Rolle ("Stützpunkt Afghanistan im Krieg gegen Terror") auf die Medienfreiheit im Land auswirkt, welche entsprechenden Pressegesetze die neue Regierung erlässt und ob sich die afghanischen JournalistInnen eher loyal gegenüber den "USA als Befreiern" oder eher kritisch verhalten werden.

Die Informationsgesellschaft gegen den Krieg - ein Resumee

Das wichtigste Zwischenergebnis des Krieges der USA um "Informationsüberlegenheit" am Beispiel Afghanistan: die Massenmedien sind unter den verschärften Bedingungen des Informationskrieges als Vermittler von Realität in Krise und Krieg gescheitert. Der Druck der Live-Berichterstattung in den elektronischen Medien, insbesondere im Fernsehen, die dadurch verstärkte Enthistorisierung und Entkontextualisierung der Nachrichten, die Fixierung auf möglichst spektakuläre Bilder und "offizielle" Quellen, verschärfter Konkurrenzdruck und das besonders in den USA über Jahrzehnte - auch in den Medien - gepflegte Desinteresse an außenpolitischen bzw. internationalen Themen verhindern eine realistische Selbst- und Fremdwahrnehmung, nicht zuletzt auch bei den JournalistInnen. Die Konsequenzen: das Massenpublikum verweigert sich unter dem Eindruck der entsetzlichen Terrorattacken einer in dieser kritischen Situation existentiell wichtigen unabhängigen Wirklichkeitsinterpretation; und die Redaktionen der führenden Massenmedien wollen oder können ihre ethisch gebotene professionelle Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit nicht erfüllen und unterwerfen sich willfährig den Propagandastrategien ihrer Regierung. Diese sich gegenseitig verstärkenden Trends konstituieren den Rahmen für einen bisher beispiellosen aber zukünftig für Informationsgesellschaften vielleicht repräsentativen Prozess der Kriegsmobilisierung. 

Tatsächlich wird für die USA aktuell der Trend diagnostiziert, dass immer mehr US-Bürger dazu übergehen, sich im Internet unabhängige Informationen zu besorgen. Seit dem Kosovo-Krieg ist das World Wide Web die erste Adresse für alternative Infos die der Nachrichtenauswahl der etablierten Medien wahrscheinlich an Vielfalt und Authentizität überlegen sind. Hier ist es möglich, sich über die weltweiten Proteste gegen den Krieg zu informieren und die Berichterstattung der internationalen Presse zu vergleichen. Friedensbewegungen, Medieninitiativen, WissenschaftlerInnen und engagierte JournalistInnen - resistent gegen Propaganda und glaubwürdig - liefern hier in Abgrenzung zu "offiziellen Interpretationen" authentische Informationen, die in den Massenmedien weitgehend ausgeblendet werden; Informationen, die dann über Veranstaltungen, eigene Printmedien und in Diskussionen an eine breitere Öffentlichkeit weitergegeben werden.
Die Militärs thematisieren seit Mitte der 90er Jahre offen die "Bedrohung", die von diesem alternativen Nachrichtenangebot ausgeht: Kontradiktive Informationen sind der Feind des militärisch erwünschten Konsenses über die Notwendigkeit und Legitimität des Krieges. Deshalb rücken auch soziale Bewegungen und andere "unkontrollierbare" Nachrichtenanbieter - ähnlich wie die JournalistInnen der "etablierten Medien" ins Fadenkreuz der Informationskriegsstrategen. Die regierungsnahe US-amerikanische Denkfabrik RAND warnt z.B: davor, dass solche Gruppen durch den freien Zugriff auf elektronische Medien immer "mächtiger" werden:

"Es könnte sich eine dynamische Symbiose zwischen Nichtregierungsorganisationen und den Medien entwickeln [...], in der die Medienpräsenz die jeweiligen Machtverhältnisse ausgleicht und die Regierung ihren Vorteil verliert, zu kontrollieren, wer was über einen Konflikt weiß. Dies führt dann zur Einschränkung staatlicher Handlungsmöglichkeiten."
(RAND: The Zapatista "Social Netwar" 1998.)

Was ihnen Sorgen macht ist unsere Chance.

Deshalb macht es Sinn, das alternative ‘Nachrichtennetz von unten’ weiter auszubauen. Ebenso wichtig ist es, gemeinsam mit JournalistInnen Vorbehalte gegen Nicht-Regierungs- und nicht-militärische Quellen abzubauen und neue Kooperationen zu schaffen. Die Integration friedenswissenschaftlicher Angebote in die journalistische Aus- und Weiterbildung könnte z.B. die Widerstandsfähigkeit der Medienschaffenden gegen militärische Vereinnahmung, Ausgrenzung und Zensur - institutionell wie auch politisch - fördern.

Um künftige (Informations-)-Kriege zu verhindern, muss ein Schwerpunkt auf den Ausbau dieser "dynamischen Symbiose zwischen Nichtregierungsorganisationen und den Medien" gelegt werden. Die Ausweitung des Blickfeldes über die "offiziellen Interpretationen des Kriegsgeschehens" hinaus ist eine Grundvoraussetzung für einen unabhängigen und investigativen Journalismus, der die Wahrheit davor schützt, immer wieder zum Opfer des Krieges erklärt zu werden.

Journalismus darf nicht zum Kriegsdienst werden. Er muss vielmehr dazu beitragen, Kriegsursachen aufzudecken, Propaganda zu entlarven und die "staatlichen Handlungsmöglichkeiten" auf zivile Konfliktlösungsstrategien zu beschränken.


Elvira Claßen, Medienwissenschaftlerin (Dipl. Soz.-Wiss.) und freie Journalistin (dju), schreibt z.Zt. an ihrer Dissertation über "Krisen- und Kriegs-Kommunikation in der Informationsgesellschaft. Bestandsaufnahme und interkultureller Vergleich von Strategien, Implikationen und Intentionen in den USA und der Bundesrepublik Deutschland." (Arbeitstitel).

Sie ist Mitglied der Forschungsgruppe Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik (FoG:IS).
Von Okt. 1989 bis Dez. 1999 arbeitete sie als leitende Redakteurin der ZivilCourage, dem Mitgliedermagazin der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) e.V. und von Jan. 1995 bis Sept. 1999 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich "Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien" der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität-GH Siegen mit Lehraufträgen in den Studiengängen Medienplanung, -entwicklung und -beratung (Siegen) und Journalistik (Dortmund). In Siegen betreute sie auch von Mitte 1998 bis Ende 1999 als (ehrenamtliche) Geschäftsführerin die Initiative Nachrichtenaufklärung.

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