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Solidarität mit der Friedensbewegung in den USA

Regina Hagen, Darmstädter Friedensforum, 18.09.2001

Ich habe in den vergangenen acht Tagen hunderte von Emails erhalten zu den Terrorangriffen, die so viele Menschen das Leben gekostet haben. Besonders bewegend waren für mich die Briefe, die schildern, wie sich Freundinnen und Freunde in den USA trotz der in allen Medien betriebenen Kriegshetze unbeirrt dafür einsetzen, auf keinen Fall militärisch auf die Krise zu reagieren.

Damit verhalten sich die FriedensaktivistInnen in den USA momentan entgegen der vorherrschenden Stimmung. Viele der großen, auch internationalen Friedensorganisationen, haben Büros in New York, in der Nähe des Hauptgebäudes der Vereinten Nationen, mitten in Manhattan. Viele von ihnen erlebten den Einsturz des Word Trade Centers mit, bangten stunden- und tagelang um Freunde und Verwandten, bis die erlösende Nachricht kam: "I’m OK, I’m fine, don’t worry." (Ich leben, mir geht es gut, mach Dir keine Sorgen.) Und manchmal auch kam die Nachricht nicht.

Die Friedensbewegung ist also genauso betroffen von dem Horror der Attentate. Und dennoch hat sie sich rasch gesammelt und begonnen, zunächst spontan und unorganisiert, sich öffentlch gegen einen Krieg auszusprechen.

Die Stimmung ist aber nicht nur von Trauer gezeichnet, von Protest, sondern auch von Angst - Angst davor, daß solche Stimmen momentan und vielleicht auch in absehbarer Zukunft nicht erwünscht sind.

Stellvertretend für viele Briefe, die mich ereichten, möchte ich Auszüge aus zweien zitieren (beide Briefeschreiber sind mit der Veröffentlichung einverstanden).

Sally Light, Geschäftsführerin von Nevada Desert Experience und Vorstandsmitglied im Global Network Against Weapons and Nuclear Power in Space, e-mail am 17.9.2001 (Auszug)

"Ich habe nur kurz Zeit, meine Gedanken zu schildern.

Für uns hier in der US-amerikanischen Friedensbewegung ist eh schon schwer genug, Gehör zu finden und etwas zu bewegen, aber jetzt gehen wir wirklich schweren Zeiten entgegen.

Ich persönlich glaube, daß wir in den USA vermutlich vor einer äußerst repressiven Phase stehen, vergleichbar mit der "McCarthy-Ära" in den 1950ern.

Es ist damit zu rechnen, daß die US-Regierung unsere Aktivitäten mit Hilfe von Anschuldigungen, noch mehr Überwachung, und juristischem Vorgehen massiv einschränkt.

Aufgrund des Gesetzes zur Bekämpfung von Terrorismus, das nach dem Bombenattentat von Oklahama verabschiedet wurde, hat unser Präsident bereits heute zahlreiche Möglichkeiten, einzelne Menschen oder Gruppen, die er für eine Bedrohung hält - auch US-Bürger - ins Ziel zu nehmen. Jetzt hat ihm der Kongreß praktisch einstimmig das Mandat erteilt, zu tun, was er für richtig hält.

Angesichts der Einstellung von Bush und seines tollwütigen Willens, dem Militarismus freien Lauf zu lassen, glaube ich, daß die Friedensbewegung in den US stark gefährdet ist.

[...]Wir brauchen in Zukunft jedes bißchen Unterstützung von Deinen Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Vor einem Monat haben mir auf einer Rundreise durch Japan japanische Friedensaktivisten mehrmals gesagt, daß wir in den USA es wohl innerhalb der Friedensbewegung am schwersten haben. Jetzt scheint mir, diese diese Worte waren fast prophetisch!

Wir in der Friedensbewegung hier in den USA stehen vielleicht bald vor der Entscheidung, ob wir unser Leben riskieren wollen. Nur die Zeit kann zeigen, ob diese Angst gerechtfertigt ist, und falls ja, wie wir uns entscheiden."


David Krieger, Präsident der Nuclear Age Peace Foundation, in einer e-mail am 16. September 2001 (Auszug)

"Wir müssen diejenigen finden, die für die Verbrechen verantwortlich sind, aber unsere Antwort auf diese Verbrechen muß dem Gesetz entsprechen und moralisch haltbar und wohl überlegt sein. Die Gerechtigkeit muß zum Zuge kommen, aber wir dürfen durch unsere Antwort nicht den Teufelskreis der Gewalt anheizen, der immer mehr unschuldige Leben zerstört.

Keiner wird sicher sein, bis alle sicher sind. Die Gewalt könnte sogar noch viel schlimmer werden, weil die Waffen in unserer Welt so ungeheuer viel Tod verursachen können. Atomwaffen, Strahlenwaffen, chemische Waffen und biologische Waffen hängen wie ein Damoklesschwer über uns. Werden wir die Schritte unternehmen, die nötig sind, um diese Gefahr zu beenden?

Rache gibt vielleicht einigen von uns das beruhigende Gefühl, daß unsere Macht zählt. Aber Rache kann uns nicht schützen. Sie führt höchstens dazu, daß noch mehr Menschen verzweifeln und hassen, daß noch mehr bereit sind, uns bis auf’s Blut zu bekämpfen."